Dieser Bericht stammt von unseren Regionalleiter Davas Sansar.
Im Dezember 2025 war ich zum ersten Mal im Nordirak. Einer der wichtigsten Orte meiner Reise war das Sharya Camp. Mir war es ein großes Anliegen, mir selbst ein Bild vor Ort zu machen. Die Situation der Jesiden kannte ich bis dahin nur aus Berichten, Zahlen und Medien. Ich wollte sehen, wie die Menschen dort nach all den Jahren wirklich leben. Viele von ihnen wurden 2014 aus Shingal vertrieben, als der IS den Völkermord an den Jesiden verübte. Seitdem sind sie nicht zurückgekehrt. Ihr Leben ist stehen geblieben – in Zelten.
Als ich in Sharya ankam, sah ich zunächst zeltartige Unterkünfte und dachte, das sei bereits das Camp. Erst später wurde mir gesagt, dass das eigentliche Camp noch weiter außerhalb liegt. Diese Zeltlandschaften direkt in Sharya gelten bereits als „besseres Leben“ im Vergleich zu den Zelten im Camp selbst. Allein diese Einordnung hat mich getroffen. Dass man innerhalb von Zeltwelten überhaupt Abstufungen machen muss – wer etwas weniger leidet als andere – zeigt, wie trostlos die Situation ist.
Das Sharya Camp besteht ausschließlich aus Zelten. Es gibt dort keine Häuser, keine festen Gebäude. Schätzungsweise 31.000 Menschen leben dort, viele von ihnen seit über elf Jahren. Was ursprünglich als kurzfristige Notlösung gedacht war, ist für Tausende zum Dauerzustand geworden. Besonders erschütternd ist, dass viele Kinder im Camp geboren wurden. Für sie ist das Camp kein Ausnahmezustand – es ist ihr normales Leben. Sie kennen nichts anderes.
Im Camp gibt es kleine Läden: einen Markt, einen Kiosk, sogar einen Frisör. Die Menschen versuchen, ihren Alltag so gut es geht selbst zu organisieren. Das zeigt ihren Willen, weiterzumachen, trotz allem. Und doch bleibt alles einfach, provisorisch und schwer. Nichts ist stabil, nichts sicher.
Gerade im Winter wird deutlich, wie hart das Leben dort ist. Schon bei uns im Haus war es schwierig, die Heizung richtig zum Laufen zu bringen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wie es den Menschen in den Zelten geht: ob sie überhaupt eine Möglichkeit haben zu heizen, wie sie die Kälte aushalten, Nacht für Nacht, und was diese Kälte mit ihnen macht – körperlich und seelisch.
Sehr nahe gegangen sind mir auch die Begegnungen mit den Menschen selbst. Viele wurden mit ihren Schicksalen allein gelassen. Besonders rund um das Ida-Ezid-Fest kamen einige auf mich zu und baten um eine kleine Spende. Man sah ihnen an, dass sie vom Leben gezeichnet sind. Mir wurde bewusst, wie wenig sie besitzen und wie sehr sie auf Hilfe angewiesen sind.
Auch die Kinder gehören zu diesem Bild. Viele von ihnen sind im Camp geboren und wachsen genau dort auf. Zelte, Matsch, Enge und Improvisation – das ist ihre Welt. Für sie ist das der ganz normale Alltag, ihr Standardleben. Gerade das macht besonders traurig: Sie hatten nie die Chance, etwas anderes kennenzulernen oder sich überhaupt etwas anderes vorstellen zu können.
Nach all diesen Eindrücken habe ich viel reflektiert. Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie groß der Unterschied zwischen meinem Leben im Westen und dem Leben meiner Glaubensbrüder und -schwestern im Camp ist. Während ich lebe, sind sie im Grunde mit Überleben beschäftigt.
Nicht nur im Camp, sondern generell im Irak habe ich gespürt, dass viele Menschen für sich keine Zukunft mehr sehen. Sehr viele wollen nach Europa. Dieser Wunsch ist nachvollziehbar – jeder Mensch sehnt sich nach Sicherheit, Würde und einem besseren Leben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was aus der jesidischen Gemeinschaft in ihrer Heimatregion wird, wenn immer mehr Menschen gehen und nicht zurückkehren.
Neben meinen Besuchen im Camp war ich auch in Lalish. Für mich – wie für viele Jesiden – ist dieser Ort etwas ganz Besonderes. Dort habe ich mich angekommen gefühlt. Lalish zeigt, wo unsere Wurzeln liegen. Es ist ein Ort der Erinnerung, der Identität und der Kraft. Der Besuch hat mir Halt gegeben. Ich weiß, dass ich wieder nach Lalish zurückkehren werde.






