In unserer Reihe „Jung, Jesidisch, Erfolgreich“ stellt die Stelle für Jesidische Angelegenheiten junge Jesidinnen und Jesiden vor, die in Deutschland und Europa nicht nur eine neue Heimat gefunden haben, sondern mit besonders gutem Beispiel in unserer Gesellschaft vorangehen und uns zeigen, wie Integration und das Erfüllen individueller Träume Hand in Hand gehen.
Wenn wir unsere heutige Interviewpartnerin mit drei Worten beschreiben müssten, wären es wohl: Haltung. Herz. Hoffnung. Und vielleicht noch ein viertes: Verantwortung.
Denn Verantwortung zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Geschichte – nicht als Bürde, sondern als bewusste Entscheidung.
Geboren wurde Dilveen Al-Moussa in Xanke im Irak. Am 23. März 2010 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland – nicht aus Abenteuerlust, nicht aus Neugier, sondern aus Not. Wirtschaftliche Unsicherheit und insbesondere die wachsende Angst vor Krieg ließen ihren Eltern keine Wahl. Der Vater war bereits ein Jahr zuvor gegangen. Für die Mutter und die Kinder begann eine monatelange Zeit des Wartens, Hoffens und Aushaltens – zunächst in Syrien. Eine Phase, über die sie heute ruhig spricht, aber zwischen den Zeilen spürt man, wie prägend sie war.
Sie erinnert sich weniger an konkrete Orte als an Gefühle. An Unsicherheit. An die Stärke ihrer Mutter. An kleine, leise Sätze des Mutes, obwohl die Erschöpfung groß gewesen sein muss. „Meine Eltern haben alles zurückgelassen, um uns Sicherheit zu geben“, sagt sie. Und man merkt: Diese Entscheidung trägt sie bis heute in sich – wie ein inneres Versprechen. Als sie schließlich in Deutschland ankam, war da dieses seltsame, widersprüchliche Gefühl: Freude und Angst zugleich. Sicherheit – aber keine Orientierung. Neue Straßen. Neue Sprache. Neue Regeln. Sie lief neben ihrer Mutter her und wusste nicht, was kommen würde. Und doch war da dieses kleine, heimliche Aufatmen: Wir sind in Sicherheit. Sicherheit bedeutet jedoch nicht automatisch Zugehörigkeit. Die ersten Jahre waren ein stiller Kampf um den eigenen Platz. Im Klassenzimmer saß sie und verstand die Sprache nicht. Auf dem Schulhof merkte sie, dass sie anders aussah. Andere Haare. Andere Augen. Andere Kleidung. Momente, in denen man sich fragt, ob man dazugehört – oder nur mitläuft. Heute erzählt sie mit einem Lächeln, dass man sie fragt, ob ihre Haare echt seien oder ob sie Kontaktlinsen trage. Damals fühlte sich das Anderssein schwer an. Heute ist es Teil ihres Selbstbewusstseins. Halt gab ihr vor allem die Familie. Und eine ganz besondere Person: ihr Onkel Wahid Shamo, der im Juli 2023 verstarb. Er lebte damals mit ihnen, war der Einzige, der Deutsch sprach, übersetzte bei Behörden, erklärte Formulare, begleitete sie durch den Alltag. Für sie war er mehr als ein Onkel – eher ein zweiter Vater. Sein Satz „Aufgeben ist niemals eine Lösung“ begleitet sie bis heute. Er sah ihre Stärke, bevor sie sie selbst erkannte. Vielleicht ist es genau diese frühe Erfahrung von Unsicherheit, die ihren heutigen Weg erklärt. Schon früh spürte sie, dass sie Menschen helfen möchte – nicht oberflächlich, sondern „von Herz zu Herz“, wie sie sagt. Sie begann in der Pflege zu arbeiten und ist diesem Bereich treu geblieben. Doch dabei blieb es nicht. Sie gründete ihr eigenes Unternehmen, das Pflege, Betreuung, Hauswirtschaft und kleine Schönheitsangebote verbindet – immer mit dem Ziel, Menschen im Alltag zu entlasten und ihnen Würde zu geben. Wer glaubt, das sei bereits genug Engagement, kennt sie noch nicht. Sie ist aktiv im Jugendparlament der Stadt Gütersloh, engagiert sich bei der SPD und den Jusos. Dort bringt sie nicht nur politische Themen ein, sondern auch die Perspektive einer jungen Jesidin. Sie spricht über Erfahrungen, über strukturelle Hürden, über Integration – nicht als Schlagwort, sondern als gelebte Realität. Gleichzeitig hat sie ihr eigenes Projekt ins Leben gerufen: „Ich vergesse euch nicht“. Ein Name, der klingt wie ein Versprechen – und genau das ist es auch. Sie übersetzt für Familien, hilft beim Ausfüllen von Formularen, begleitet zu Terminen. Sie weiß, wie es ist, keine Hilfe zu haben. Und genau deshalb möchte sie diese Hilfe weitergeben. Zweifel? Die gab es. „Zweifel und ich waren anfangs fast beste Freunde“, sagt sie rückblickend. Zweifel, ob sie jemals wirklich dazugehören würde. Zweifel, ob Anderssein immer ein Hindernis bleiben würde. Heute sieht sie Unterschiede nicht mehr als Makel, sondern als Stärke. Sie hat gelernt, dass Integration nicht bedeutet, sich selbst zu verlieren. Für sie ist es kein Widerspruch, sich einzubringen und gleichzeitig die eigenen Wurzeln zu bewahren. „Ich sehe beides nicht als Gegensatz“, sagt sie. „Beides gehört zu mir.“ Jesidin zu sein bedeutet für sie Herkunft, Geschichte und Verantwortung. Teil einer Gemeinschaft zu sein, die viel Leid erfahren hat – und dennoch Würde bewahrt hat. Es gab Phasen, in denen diese Identität schwer wog, besonders dann, wenn sie auf eine Schublade reduziert wurde. Heute trägt sie ihre Herkunft mit Selbstbewusstsein. Was sie sich von der deutschen Gesellschaft wünscht, ist kein Mitleid. Sondern echtes Zuhören. Weniger symbolische Gesten, mehr strukturelle Chancengleichheit – besonders im Bildungssystem. Herkunft und Elternhaus dürften nicht über Zukunftschancen entscheiden. Integration sei kein einseitiger Prozess, sondern ein gemeinsamer Weg, der Vertrauen und faire Möglichkeiten brauche. Wenn sie ihrem jüngeren Ich und anderen jungen Jesidinnen und Jesiden etwas sagen könnte, wäre es kein pathetischer Satz, sondern ein ruhiger Rat: „Du musst nicht perfekt sein. Du darfst Fehler machen. Wichtig ist nur, dass du weitergehst.“ Und weiter: „Habt Geduld mit euch selbst. Lernt, fragt, zweifelt – aber gebt niemals auf. Eure Herkunft ergänzt euch. Sie begrenzt euch nicht.“ Und was bedeutet für Dilveen heute „angekommen sein“? Nicht Perfektion.
Nicht das Erreichen aller Ziele. Sondern Sicherheit. Gehört zu werden. Den eigenen Platz einnehmen zu können – ohne Angst, übersehen oder verurteilt zu werden. Unsere heutige Protagonistin ist keine Frau der großen Schlagzeilen. Sie ist eine Frau der konsequenten Schritte. Eine, die Verantwortung nicht nur fordert, sondern lebt. Und wenn man sie fragt, ob sie sich als Vorbild sieht, antwortet sie bescheiden. Doch wir sind überzeugt: Wer Zweifel kennt, Hürden überwindet und trotzdem anderen die Hand reicht, ist genau das. Dilveen Al-Moussas Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.
Und wir sind uns sicher: Wir werden noch viel von ihr hören!

