Die jesidische Gemeinde umfasst eine geringe fünfstellige Zahl an Menschen, die auf eine unterschiedliche lange Verwurzelung in Georgien verweisen können. Das Zentrum jesidischen Lebens zwischen dem Großen und Kleinen Kaukasus liegt in der Hauptstadt Tiflis, Tbilisi. Wenn gleich im Grenzgebiet zu Armenien und der Türkei einige Dörfer existierten, die bis in die Sowjetunion vornehmlich kurdisch und jesidisch geprägt waren.

Historisch gesehen war die Übersiedlung einiger jesidischer Dorfgemeinschaften und individueller Migration hauptsächlich dadurch motiviert, dass die sich verschiedenen Grenzen des Osmanischen Reiches und Russischen Imperiums und des zaristischen Versuchs, Minderheiten in den Grenzregionen anzusiedeln, zu einer gesteigerten Mobilität führten. Die erwachenden Nationalismen vieler unterschiedlicher Millet und Ethnien im Osmanischen Reich und der daraus entstehenden Abgrenzungs- und Unterdrückungsprozesse spielten dabei eine ebenso wichtige Rolle.

Als die kurzlebige georgische Republik 1921 durch die Rote Armee der Sowjetunion erobert und aufgelöst wurde, begann eine beispiellose Zwangssäkularisierung aller konfessionellen Bekenntnisse, somit auch des jesidischen Glaubens. Dies führte unter anderem dazu, dass sich heute im Jahr 2026 schätzungsweise Zweidrittel der Jesiden Georgiens zur christlich-orthodoxen Kirche bekennen, wobei wiederum zum größten Teil das im Jesidentum verankerte Endogamiegebot eingehalten wird. Weiter führten und führen bikonfessionelle Ehen nach Aussage einiger georgischer Jesidinnen und Jesiden dazu, dass sowohl die religiöse, als auch kulturelle Identität schwach bis kaum ausgeprägt sind. Auch dadurch kam und kommt es zu Assimilationsprozessen innerhalb der jesidischen Community in Georgien.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion emigrierten je nach Zählung und Schätzung weit mehr als die Hälfte der jesidischen Gemeinschaft in andere Länder, hauptsächlich nach Russland, in die Ukraine und in die Europäische Union. Ein Faktor dafür war das Erstarken der nationalen und religiösen Identität der georgischen Mehrheitsgesellschaft, die gleichzeitig zur (weiteren) Marginalisierung sowohl jesidischer als auch muslimischer Lebens- und Glaubenspraxis beitrug. 

Tiflis, Kultur, Leben

Jesidische Menschen waren im kosmopolitisch, multiethnischen Tiflis des 19. Jahrhunderts besonders für ihr Handwerk bekannt. Nachdem Georgien ab spätestens 1804 Stück für Stück mehr oder weniger in das Russische Imperium gezwungen wurde und sich der nationale Adel an der Eroberung weiterer kaukasischer Gebiete beteiligte, kam es ab der Mitte des Jahrhunderts in vereinzelten Fällen dazu, dass muslimische Kurden und Jesiden an diesen Kampfhandlungen teilnahmen und sich einen Namen als disziplinierte Kämpfer machten.

In der lokalen Hierarchie lebten die Jesiden in Tbilisi in von der russischen Kolonialverwaltung als „asiatische Seite“ der Stadt beschriebenen Gebiete am rechten Ufer des Mtkwari (Kura). Im orientalistischen, exotisierenden Sinne beschrieb dies die vernachlässigten Stadtviertel unter Anderem der Armenier, „Tataren“, Kurden und ganz allgemein der Arbeiterklasse.

Jesidinnen und Jesiden waren im späten 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert vor allem im Positiven dadurch bekannt, dass sie als მეეზოვე (Meesowe) die (italienischen) Höfe der Stadtbevölkerung gereinigt haben. In der Stadtgeschichte werden die Meesowe stets im Positiven genannt, da sie für Schnelligkeit, Ordentlichkeit und Freundlichkeit standen und die Mehrheit der Menschen in Georgien keinerlei negative Assoziationen damit haben. Besonders zeigt sich dies im Werk eines der wichtigsten georgischen Künstler, Nikolos Pirosmanaschwili, besser bekannt als Pirosmani. Er malte und verewigte „Yazidi Rashid Adamov“, einen Meesowe-Hausmeister, dem vor einigen Jahren eine Bronze-Statur in der Altstadt gewidmet wurde.

Im berühmten georgischen Chanson „თათრის გოგონა“ (Tatarisches Mädchen) wird eine schöne, jesidische Frau besungen, die an der Straße Blumen verkauft. Im Refrain wird sie wiederholt gefragt, ob sie ein jesidisches oder ein arabisches Mädchen sei. Daraus können viele Schlüsse gezogen werden, in der wohlwollendsten Interpretation ist es zumindest ein Hinweis darauf, dass jesidisches Leben seit über einhundert Jahren auch in mehrheitsgesellschaftlichen Kulturerzeugnissen sowohl stereotypisch und verallgemeinernd und gleichzeitig durchaus positiv bis heldenhaft rezipiert werden.

Im modernen Georgien, wie auch im historischen, werden die Begriffe kurdisch und jesidisch oft äquivalent genutzt, so dass nicht selten der Eindruck entsteht, dass sich beides bedingt. In der Hauptmoschee Tbilisis‘ lassen sich dennoch sunnitische und schiitische Kurden antreffen, deren Ursprünge meist in Aserbaidschan zu liegen scheinen.

Der Tempel und die Rückkehr zum Glauben

 „Seit der Eröffnung des Tempels ist unsere Gemeinschaft zusammengewachsen und Heilungsprozesse haben eingesetzt.“

Im Jahr 2015 wurde der Sultan Ezid Tempel in Tiflis offiziell eröffnet, seinerzeit erst der zweite jesidische Tempel außerhalb des Irak, finanziert vor allem von der lokalen Gemeinde und einiger Privatspenden aus dem Ausland. Auf dem Varketili-Plateau gelegen, existieren –  von der Straße aus gut sichtbar – neben dem Tempel in weiteren Gebäuden eine theologische Akademie und kulturelle Einrichtungen. Dort wird unter Anderem Kurmandschi angeboten, was nach eigenen Aussagen vieler Jesidinnen und Jesiden in Geogien seit einigen Generationen quasi nicht mehr in den Familien gesprochen wird. Grund dafür sei zum einen die große Anzahl an Ehen, in denen die Alltagssprache Russisch ist, da es als sowjetisch-installierte Lingua Franca gerade von Minderheiten in Georgien bis vor wenigen Jahren noch die Primärsprache in der Öffentlichkeit war.

Außer am Dienstag besuchen bis zu zwanzig Personen täglich den Tempel, der im Jahr 2024 renoviert und saniert wurde.

Einige Menschen, die dem Genozid des ISIS entfliehen konnten, machten sich aufgrund der georgisch-jesidischen Gemeinde und ihrer Infrastruktur auf den Weg nach Tiflis, von denen die meisten das Land jedoch nach einigen Monaten oder wenigen Jahren wieder verließen, da sie, wie weite Teile der georgischen Bevölkerung, Schwierigkeiten hatten, (angemessene) Arbeit zu finden.

Eine theologische Besonderheit geht auf Georgiens jesidisches Konzil und damit auf den Tempel und seine Institutionen zurück. In Absprache mit den Gelehrten im Irak wurde entschieden, dass Jesidinnen und Jesiden, die zuvor eine andere Konfession angenommen haben, unter religiöser Anleitung wieder „revertieren“ – ein Novum, welches eine nicht erfasste aber vermutlich nicht unbedeutende Anzahl von Menschen für sich genutzt haben.

Wie so oft ist Ort der Anbetung und kultureller Treffen und Stärkung auch im Tifliser Südosten ein Platz, an dem Menschen zurück-, zusammen oder auch wiederfinden. In Bezug auf Größe, Geschichte und Signifikanz steht die jesidische Gemeinde Georgiens im Schatten des Nachbarn Armeniens, aber ein schleichendes Ende durch Konversionen und Auswanderungen scheint zumindest vorerst gestoppt oder verlangsamt zu sein.

Martin Zabel, der Autor ist Arabist und Islamwissenschaftler mit den Schwerpunkten Osteuropa und Kaukasus. Der Text basiert auf persönlichen Interviews mit Jesidinnen und Jesiden in Tiflis, wo er etwas mehr als ein Jahr gelebt und geforscht hat. Die Photos stammen aus seiner Sammlung.