In unserer Reihe „Jung, Jesidisch, Erfolgreich“ stellt die Stelle für Jesidische Angelegenheiten junge Jesidinnen und Jesiden vor, die in Deutschland und Europa nicht nur eine neue Heimat gefunden haben, sondern mit besonders gutem Beispiel in unserer Gesellschaft vorangehen und uns zeigen, wie Integration und das Erfüllen individueller Träume Hand in Hand gehen.
 
Daxwaz Sansar ist jemand, der nicht mit großen Parolen auftritt. Kein lautes Pathos, keine dramatischen Wendepunkte – vielmehr eine Geschichte, die gerade deshalb beeindruckt, weil sie so vielen ähnelt, und dennoch für sich steht. Und weil sie zeigt, was möglich ist, wenn Ehrgeiz auf Ausdauer trifft.
 
Daxwaz wurde in Deutschland geboren – als erstes Kind seiner Familie. Alle seine Geschwister kamen noch in der Heimatregion zur Welt, in der Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien. Seine Familie war 1989 nach Deutschland geflüchtet. Eine andere Zeit, wie er sagt. Die Stimmung gegenüber Geflüchteten sei damals offener gewesen, die Willkommenskultur spürbarer. Das habe seinen Eltern das Ankommen erleichtert.
 
Seine frühesten Erinnerungen führen nicht in ein Einfamilienhaus oder auf einen idyllischen Spielplatz, sondern in ein Asylheim in Detmold. Drei oder vier Jahre alt war er damals. Viel ist verschwommen – aber er weiß noch, dass sie dort wohnten. Für ihn war das normal. Er kannte nichts anderes. Und vielleicht liegt genau darin eine Stärke: Wer nichts anderes kennt, empfindet manches nicht als Mangel, sondern als Realität.
 
Wenn er sich heute in drei Worten beschreiben müsste, sagt er: ehrgeizig, verantwortungsbewusst, ambitioniert. Und diese drei Worte ziehen sich wie ein Leitmotiv durch seine Biografie.
 
Klassische Vorbilder hatte er nicht. Seine Familie kam aus einfachen und unsicheren Verhältnissen. Für seine Eltern stand zunächst Sicherheit im Vordergrund – Rechte zu haben, in Ruhe leben zu können, keine Angst mehr haben zu müssen. Bildung, Karriereplanung, akademische Laufbahnen? Das waren keine Themen, mit denen sie selbst aufgewachsen waren. Er nimmt ihnen das nicht übel. „Sie haben mit dem, was sie hatten, ihr Bestes gemacht“, sagt er.
 
Seine Kindheit beschreibt er trotzdem als schön. Er fühlte sich wohl. Auch das Leben im Asylheim war für ihn kein Makel. Und doch gab es Momente des Nicht-Dazugehörens. Er wuchs zwischen mehreren Kulturen auf. Mal hier nicht ganz, mal dort nicht ganz. Dazu kamen Erfahrungen mit Alltagsrassismus – Situationen, in denen ihm gespiegelt wurde, dass er „anders“ sei.
 
Dieses Gefühl kennt er teilweise bis heute. Aber er hat für sich eine Haltung entwickelt: Dazugehören bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Er nimmt aus beiden Kulturen das mit, was für ihn stimmig ist. Und das reicht ihm.
 
Halt gaben ihm Familie und Freunde. Und das Wissen, dass viele andere Migranten ähnliche Erfahrungen machen. Früh verstand er: Vieles ist nicht persönlich gemeint, sondern strukturell bedingt. Diese Erkenntnis machte ihn nicht bitter, sondern wach.
 
Sein Bildungsweg begann auf der Hauptschule. Keine akademischen Eltern, keine Mentoren, keine Menschen, die ihm „unsichtbare Codes“ der Berufswelt erklärten. Er hatte keine klaren Ziele als Kind. Erst als Jugendlicher begann er, sich Schritt für Schritt höhere Maßstäbe zu setzen. Nicht mit dem großen Plan „Ich werde Akademiker“, sondern mit dem Vorsatz, den nächsten Schritt besser zu machen als den vorherigen.
 
Ein Schlüsselmoment war ein Gespräch in der 10. Klasse. Er hatte seinen Realschulabschluss gemacht und äußerte den Wunsch, Fachabitur zu machen. Ihm wurde abgeraten. Stattdessen schlug man ihm eine einfache Ausbildung im Lagerbereich vor. Ein Satz, der für manche entmutigend gewesen wäre – für ihn wurde er Antrieb. Er erkannte: Nicht jeder sieht dein Potenzial. Und nicht jeder will es sehen.
 
Er hatte zu Hause keine Anleitung für Bildungswege. Niemand erklärte ihm, wie wichtig Praktika, Netzwerke oder Kontakte sind. Niemand zeigte ihm Abkürzungen oder Strategien. Also erarbeitete er sich alles selbst. Und oft hatte er das Gefühl, sich doppelt beweisen zu müssen – als jemand ohne akademischen Hintergrund und als Migrant.
 
Heute hält er einen Masterabschluss in den Händen. Als er die Urkunde bekam, beschreibt er es als echtes „Wow“-Gefühl. Ein Moment, der mehr war als nur ein Stück Papier – es war der Beweis, dass Ausdauer stärker sein kann als Zweifel.
 
Ein weiterer prägender Abschnitt war eine einmonatige Summer School in Indien. Eine Erfahrung, die seinen Blick auf die Welt erweitert hat und ihm gezeigt hat, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können.
 
Jeside zu sein bedeutet für ihn Wurzeln, Herkunft und Gemeinschaft. Es ist ein Teil seiner Identität, der ihn prägt und ihm auch Verantwortung bewusst macht. Mit der Geschichte der Jesiden verbindet er die Verpflichtung, nicht gleichgültig zu sein.
 
Gab es Phasen, in denen deine Herkunft sich wie eine Last anfühlte?
 
„Selten“, sagt er. Aber er war sich früh bewusst, einer Minderheit anzugehören und sich öfter erklären zu müssen als andere. Das könne anstrengend sein. Gleichzeitig gibt ihm genau das die Stärke des Zusammenhalts innerhalb der Community.
 
Integration und Wurzeln sieht er nicht als Widerspruch. Für ihn bedeutet Integration, hier zu leben, Regeln zu respektieren und sich einzubringen. Gleichzeitig vergisst er nicht, woher seine Familie kommt. Beides darf nebeneinander existieren.
 
Seine Geschichte hat vor allem eines geprägt: Dankbarkeit. Er weiß, dass er hier in Sicherheit lebt und mehr Möglichkeiten hat als viele andere. Und er versteckt seinen Background nicht. Im Gegenteil: Er steht selbstbewusst dazu.
 
Ob er ein Vorbild sein kann? „Total“, sagt er klar. „Vom Leben im Asylheim über das Aufwachsen im sozialen Brennpunkt bis hin zum Masterabschluss“ – er hat sich alles selbst erarbeitet. Heute ist er Akademiker, beruflich angekommen und sich selbst treu geblieben. Wenn das anderen jungen Jesidinnen und Jesiden Mut macht, freut ihn das.
 
Er spürt die Verantwortung, nicht wegzuschauen – besonders dann, wenn Menschen aus seiner Community keine Stimme haben.
 
Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft wünscht er sich mehr Sensibilität im Umgang mit Minderheiten. Fehler einzelner dürften nicht auf ganze Gruppen übertragen werden. „Mehr Blick für den einzelnen Menschen – weniger Verallgemeinerung.“
 

Daxwaz mit seiner Mutter

Verbesserungsbedarf sieht er vor allem bei der Chancengleichheit. Zukunft dürfe weniger vom Elternhaus abhängen. Junge Menschen müssten früher ermutigt werden, an sich zu glauben und höhere Ziele zu verfolgen.
 
Seinem jüngeren Ich würde er sagen: „Glaub an dich. Auch wenn andere kein Potenzial in dir sehen und du selbst zweifelst. Du hast Potenzial.“
 
Und jungen Jesidinnen und Jesiden rät er ganz pragmatisch: „Macht einen Abschluss.
Eine Ausbildung, ein Studium – etwas in der Tasche zu haben, ist entscheidend. Fleiß allein reiche nicht. Netzwerke, Mentoren, Kontakte – all das ist ebenso wichtig.“
 
Ehrlich spricht er auch darüber, dass nach dem Master nicht sofort alle Türen offenstanden. Niemand hatte ihm früh genug erklärt, wie wichtig Berufserfahrung und Praktika schon während des Studiums sind. Eine Lektion, die er heute weitergeben möchte.
 
Große Ziele kündigt er nicht öffentlich an. Er glaubt mehr an stille, konsequente Schritte als an große Ankündigungen.
 
Und was bedeutet für ihn „angekommen sein“?
 
Seinen Platz gefunden zu haben. Seinen Background behalten zu dürfen und gleichzeitig Teil dieser Gesellschaft zu sein. Und wenn er im Ausland ist, weiß er: Bald fahre ich nach Hause.
 
„Und dieses Zuhause – das ist für mich Deutschland.“